Meine Stärken liegen woanders
©Anja Micke Photoartwork

Ich bin Justus, der fast Neunjährige, der auf dem Foto aus dem Fenster steigen will. Mein Kumpel Emil, der dienstälteste Besuchshund des Vereins, liegt in der Tür. Emil ist genau ein Jahr und einen Tag älter und meistens tiefenentspannt. Mein Frauchen sagt immer, unterschiedlicher als wir beide, können zwei Hunde gar nicht sein.
Wenn ich nicht bereits der dritte Welpe gewesen wäre, der bei Frauchen eingezogen ist, hätte sie mich bestimmt reklamiert und umgetauscht.
Mein Papa ist ein apricotfarbener Pudel und meine Mama eine Pinscherdame mit Terriergenen. Im ersten Lebensjahr war ich von morgens früh bis abends spät nur in Bewegung. Wenn ich nur 3 Sekunden stillsitzen sollte, habe ich geheult wie eine Sirene. Stubenrein war ich erst mit 6 Monaten, Frauchen wollte mir schon Pampers anziehen. Frauchen ist davon überzeugt, dass ich ein ADHS-Kind war. Wasser und Schmutz sind gar nichts für mich. Am Anfang wollte ich bei Regen gar nicht vor die Tür. Pfützen und Matsch umlaufe ich immer noch großräumig. Dreckig habe ich mich noch nie gemacht, schon in der Welpenschule habe ich Schmuddelkinder konsequent gemieden. Am Tag meines Einzugs bei Frauchen habe ich im Hochsommer Kissen auf den Rasen geschleppt, um sauber und bequem zu liegen. Im Restaurant mache ich heute noch Stehparty unter dem Tisch, weil meine Menschen sich weigern, ein Klappkissen mitzubringen. Mein Lieblingsplatz ist Herrchens Schoß. Ich verstehe gar nicht, warum sie mich oft "Unser Prinzesschen" nennen. Während jeder normale Welpe immer darauf bedacht ist, sein Rudel beim Spaziergang nicht zu verlieren, musste man bei mir höllisch aufpassen, denn ich rannte vor lauter Aufregung garantiert in die falsche Richtung und geriet dabei völlig in Panik. Herrchen auch, als er mich spät abends 1 Stunde suchen musste.
Was meint ihr, wie es mit mir weiterging? Ihr werdet es nicht glauben, was ich mitmachen musste.

 

©Tierfoto-NRW.de

Sofort, ab auf den Hundeplatz. Ich kleiner Wicht, so groß wie ein Meerschweinchen, stand plötzlich vor Riesenschnauzern, die Begleithundeprüfung war das Ziel. 2 Jahre brauchten diverse Hundetrainer, um mich zum Platzmachen auf dem Rasen ohne Kissen zu bewegen. Der Verein dachte schon über den Einbau von einer Rasenheizung nach. Um meine Hyperaktivität zu mildern, habe ich schon mit Welpenagility begonnen. Später kam noch Turnierhundesport hinzu. Mein Kumpel Emil hatte wohl zu viel die SUPERNANNI geschaut und begann auch noch, mich zu erziehen. Zeitweise saß ich nur noch auf der "stillen Treppe". Ich habe mich aber tapfer gewehrt und alle zur Verzweifelung gebracht. Vor allem meine Hysterie, bei der niemand vorhersagen konnte, wann und warum sie auftrat, hätte bestimmt sogar Herrn Rütter beeindruckt. 

Letztendlich habe ich die Begleithundeprüfung mit 3 Jahren erfolgreich absolviert. Der ganze Verein atmete auf, es war vollbracht, ich bin ein fast normaler Hund geworden. Bei Turnieren brachte mich erstaunlicherweise nichts aus der Ruhe. Ich war überall sofort sehr beliebt, da ich trotz aller Hysterie ein richtiger Sunnyboy bin und immer pure Lebensfreude ausstrahle.

Einmal nahm Frauchen mich auch mit zum Stammtisch des Besuchshundevereins, ich begeisterte mit meinem Charme und zeigte mich von meiner besten Seite. Alle meinten, ich sollte auch Besuchshund werden. Frauchen war skeptisch und nahm mich öfter mit ins psychiatrische Krankenhaus, wo sie im Sozialdienst arbeitet und Emil als Besuchshund im Einsatz ist. Ich überzeugte und Frauchen meldete mich zum Verhaltenstest im September 2011 an.

Ich sollte auch Besuchshund werden!!!

Niemals! Noch bevor der Test begonnen hatte, wurde ich völlig hysterisch. Ich stellte meine Sirene an, bellte, knurrte vor Verzweifelung und ließ mich nicht anfassen, noch nicht einmal mehr von Frauchen. Da half auch kein Locken und keine Leckerchen.

Der Verhaltenstest hatte noch gar nicht begonnen und ich war schon durchgefallen, das macht mir so schnell keiner nach.

 

©Tierfoto-NRW.de

Das Durchfallen war für mich gar kein Problem. Frauchen war schon etwas enttäuscht, obwohl sie es ja schon erwartet hatte. Meine Stärken liegen eben woanders. Wie ich ja schon sagte, hat Frauchen mich schon im Welpenalter an den Hundesport herangeführt, damit ich meinen Bewegungsdrang ausleben konnte.

Beim Hundesport war ich in meinem Element. Mit meinen 37 cm Schulterhöhe und einem Gewicht von 8,3 kg war ich der ideale Sporthund und ein ernstzunehmender Konkurrent, auch für die großen Hunde.  Häufig stand ich auf dem Siegertreppchen ganz oben, sogar bei der Deutschen Meisterschaft im Turnierhundesport im Pinscher- und Schnauzerclub. Hunderennen sind meine Leidenschaft.

Auf den Fotos seht ihr mich beim Hindernislauf im Jahre 2012, 1. Platz bei der DM im Turnierhundesport des PSK. Mittlerweile mache ich aus Altersgründen nur noch Agilty just for fun. 

Liebe Menschen, Hunde, die beim Verhaltenstest durchfallen, sind keine schlechten oder unerzogenen Hunde, ihre Stärken liegen eben nur woanders und diese müsst ihr fördern.

Euer

Justus mit ohne Besuchshundeprüfung